Wenn das "Liesche" dreimal pfiff

Originaltext von Dieter Schieck

Das Haus im Gersprenztal war einst Bahnstation - Zuvor machten hier die Fuhrleute Halt -

Seit 1840 gibt es den Landgasthof "Zum Reichenberg" im Reichelsheimer Ortsteil Gersprenz. Mit dem modernen Haus von heute hat die Keimzelle von einst allerdings wenig gemein.

Liesche

Als die Vorfahren von Heinrich Eitenmüller, dem Urgroßvater von Uwe Wohlfromm, der heute zusammen mit Frau Sonja und Mutter Kätha den Betrieb führt, die Schankwirtschaft eröffneten, war dafür wohl die günstige Lage ausschlaggebend. Wo die von Michelstadt kommende Nibelungenstraße auf die heutige Bundesstraße 38 stößt, die das Gersprenztal erschließt, richtete er eine Gasstube ein, die vor allem von Fuhrleuten gern besucht wurde.

Als damals Kartoffeln und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse nach Darmstadt transportiert wurden, machten die Fuhrwerke nach einem langen Tag am Gasthaus Station. Peter Eitenmüller versorgte im ersten Stockwerk die Kutscher und im Keller die Pferde. Am Abend streckten sich die Fuhrleute auf einer Eckbank aus und schliefen.

Damit die Leute sich auch zeitlich orientieren konnten, gab es in der Gaststube nicht nur eine Uhr, sondern auch einen Kalender, welcher aus einem großen glatt geschliffenem Holzbrett bestand. Jeden Samstag wurden die Wochentage neu mit Datum versehen.

Als die Eisenbahnlinie durchs Gersprenztal gebaut wurde, das legendäre "Odenwälder Lische" von Reichelsheim bis Reinheim dampfte, brach auch im "Reichenberg" eine neue Zeit an. Die Gastwirtschaft war Aufenthaltsraum und Fahrkartenschalter zugleich. Kein Meter Abstand war zwischen Gasthaus und Gleis, was die Bewirtung vom Gasthausfenster zum Zugfenster einfach machte.

Da ein Dorfgasthaus in der damaligen Zeit eine Familie nicht ernähren konnte, war die Landwirtschaft das eigentliche Standbein. Großvater und Urgroßvater bewirtschafteten die Felder und arbeiteten auch in Groß-Bieberau in der Brauerei.

Alte Postkarte

Alles änderte sich blitzartig. Denn 1957 wurde durch einen Brand die Hofreite zerstört, den ein Blitzschlag auslöste. Der Wiederaufbau brachte auch eine Erweiterung. Heinrich Eitenmüller stellte sich zusätzlich zur Land- und Gastwirtschaft auf den Fremdenverkehr ein. Wo früher in einem kleinen Saal die Dorffeste gefeiert worden waren, entstanden Fremdenzimmer. Das aber blieb eine Episode, denn als der Verkehr auf der B 38, die seit der Beseitigung der Gleisanlage direkt am Haus vorbei führt, immer stärker wurde, gingen die Übernachtungen zurück. Also wurde hier eine Wohnung eingerichtet. Nach der Übernahme durch Kätha Wohlfromm im Jahre 1972 wurde ein neuer Saal ans Gasthaus angebaut, der für Familienfeiern und für Ausflugsverkehr an den Wochenenden gedacht war. 1989 wurde hier noch einmal vergrößert. 1992 übergab die Wirtin Kätha Wohlfromm die Leitung des Hauses dann an die nächste Generation.

Sohn Uwe hatte davor eine Kochlehre absolviert, sich für seine neue Aufgabe fit gemacht, Schwiegertochter Sonja sorgt dafür, dass im Gasthaus alles läuft.

Das Hauptaugenmerk legen die Wohlfromms auch heute keineswegs auf den Ausflugs- und Wochenendbetrieb oder die zahlreichen Reisebusse, die sich das Gasthaus "Zum Reichenberg" als Anlaufstation aussuchen. Zwar ist dies ein wichtiger Faktor, aber die Stammgäste und Familienfeiern sind für das Unternehmen ebenso wichtig.

Wer sich aus der umfangreichen und vielseitigen Speisekarte etwas aussucht, stellt fest, dass Wildgerichte ihren festen Platz im Angebot haben. Fest im Programm sind während des Winterhalbjahres auch die Schlachtfeste an Wochenenden.

Die Familie Wohlfromm freut sich, Sie als Gäste zu begrüßen.